Warum die Prämisse eines gleichgültigen Kosmos uns die Freiheit zurückgibt
Das kosmische Schweigen ist eine nackte Tatsache – doch die Schlüsse, die wir daraus ziehen, sind es nicht.
Vorwort: Der Schrei nach Gerechtigkeit
In einer Ausgabe der WDR-Sendung „Das philosophische Radio“ blieb mir ein Gedanke des Theologen Gregor Taxacher besonders im Gedächtnis. Sinngemäß argumentierte er, der jüdisch-christliche Auferstehungsglaube sei historisch weniger aus dem Wunsch nach persönlicher Unsterblichkeit entstanden als aus einem leidenschaftlichen Verlangen nach Gerechtigkeit. Er ist der Protest gegen die Vorstellung, dass Täter ungestraft bleiben und das Leid der Opfer endgültig im Vergessen verschwindet.
Kaum eine Sehnsucht reicht tiefer als diese. Doch je länger ich diesen Gedanken bewegte, desto deutlicher wurde mir, dass diese Hoffnung auf Voraussetzungen beruht, die ich persönlich nicht mehr teilen kann. Verzichtet man auf die Annahme einer jenseitigen Gerechtigkeit, beginnt keine trostlose Reise – sondern möglicherweise eine befreiende.
Der kosmische Maßstab
Der beobachtbare Teil unseres Universums umfasst nach heutigen Schätzungen Hunderte Milliarden bis möglicherweise rund zwei Billionen Galaxien. Darüber hinaus könnte der Kosmos unendlich sein – oder zumindest unsere Beobachtungsgrenze um Größenordnungen übersteigen.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Mensch verschwindend klein. Daraus folgt jedoch weder Hoffnungslosigkeit noch religiöse Gewissheit. Es folgt zunächst nur eines: Schweigen.
Viele empfinden dieses Schweigen als Nihilismus. Andere sehen darin gerade den stärksten Grund, an ein Jenseits zu glauben. Ich möchte einen dritten Weg beschreiben. Nicht weil ich ihn für die einzig richtige Antwort halte, sondern weil er für mich die überzeugendste geworden ist.
Auf Augenhöhe mit dem All
Die Ontologie kennt eine faszinierende Idee: die Univozität des Seins. Johannes Duns Scotus formulierte sie, Gilles Deleuze entwickelte sie weiter. Alles, was existiert, existiert im selben Sinn.
Eine mögliche Konsequenz daraus lautet, dass eine Galaxie nicht „realer“ ist als ein flüchtiger Augenblick unseres Lebens. Größe verändert Ausdehnung, nicht den Sinn des Seins. In diesem Verständnis besitzt unser Dasein keine geringere ontologische Würde als die größten Strukturen des Universums.
Gerade die Erkenntnis unserer kosmischen Kleinheit muss uns daher nicht erniedrigen. Sie kann uns auf unerwartete Weise befreien.
Freiheit ohne kosmischen Auftrag
Existiert kein vorgegebener Plan, bleibt die Verantwortung bei uns.
Jean-Paul Sartres Gedanke, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, beschreibt diese Freiheit eindrucksvoll. Selbst wenn das Blockuniversum eine zutreffende Beschreibung der Raumzeit wäre, kennen wir den weiteren Verlauf unseres Lebens nicht. Praktisch handeln wir daher immer so, als könnten wir wählen.
Während Sartre diese Freiheit häufig als Last beschreibt, finde ich mich stärker in Albert Camus wieder. Seine Revolte besteht nicht darin, dem Universum einen Sinn abzuringen, sondern trotz seines Schweigens bewusst zu leben.
Vielleicht ist das der eigentliche Perspektivwechsel: Das Leben ist keine Prüfung, sondern eine Aufführung ohne Jury. Scheitern erschüttert keine kosmische Ordnung. Erfolg verändert den Sternenhimmel nicht. Entscheidend bleibt allein die Art, wie wir unsere Rolle spielen.
Die psychologische Entlastung
Hier begegnet Philosophie der Psychologie. Die Existenzanalyse – in der Tradition Viktor Frankls und Alfried Längles sowie vertreten durch Autoren wie Christoph Kolbe – versteht Sinn nicht als Trophäe am Ende eines erfolgreichen Lebens, sondern als Qualität des gegenwärtigen Vollzugs.
Wenn das Universum keine Bilanz über unser Leben führt, verliert auch unser innerer Buchhalter an Macht.
Wir müssen nicht außergewöhnlich sein, um unser Dasein zu rechtfertigen. Wir müssen nicht Geschichte schreiben. Es genügt, das eigene Leben verantwortlich zu führen.
Gerade darin liegt eine unerwartete Form der Gelassenheit.
Die Konvergenz
Ich weiß, dass bedeutende Philosophen aus denselben Voraussetzungen zu ganz anderen Schlussfolgerungen gelangt sind. Manche fanden Verzweiflung, andere Pessimismus, wieder andere religiöse Hoffnung.
Für mich jedoch ergibt sich aus der Verbindung von Naturwissenschaft, Ontologie, Existenzphilosophie und Existenzanalyse eine bemerkenswerte Konvergenz.
Verzichtet man auf die Erwartung einer höheren Instanz, die eines Tages Gerechtigkeit herstellen wird, bleibt die Verantwortung vollständig bei uns selbst. Gerechtigkeit wird dadurch nicht kleiner. Sie wird dringlicher.
Die eigene Unbedeutsamkeit erscheint mir deshalb nicht als Fluch, sondern als Fundament der Gelassenheit. Sie nimmt dem Leben seine metaphysische Schwere, ohne ihm seinen Wert zu nehmen.
Epikurs Gedanke bringt diese Haltung bis heute auf den Punkt: Solange wir leben, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.
Am Ende bleibt für mich deshalb nur eine einzige wirklich entscheidende Frage.
Nicht, was aus unserem Leben geworden ist.
Sondern auf welche Weise wir es geführt haben.